Überlegungen zu Wirkungsnachweisen in der Arbeitsintegration
Die Integration von Menschen mit erschwertem Arbeitsmarktzugang ist eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe in der Schweiz, steht jedoch vor komplexen Herausforderungen. Bisher fehlen systematische Wirkungsnachweise, obwohl Wirkungsmodelle und realistische Ziele helfen könnten, Wirkungen sichtbar zu machen. Für deren Einführung braucht es eine gemeinsame Verständigung, geeignete Indikatoren und eine schrittweise Umsetzung. So lässt sich Qualität sichern und die Legitimation gegenüber Geldgebern stärken – ein Beitrag zur nachhaltigen Professionalisierung der Arbeitsintegration.
Ausgangslage
Die (Re-)Integration von Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt ist ein zentraler Bestandteil des sozialen Sicherungssystems in der Schweiz. Organisationen der Arbeitsintegration unterstützen Langzeitarbeitslose, Geflüchtete, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Jugendliche ohne Ausbildung beim Zugang zu sinnvoller Beschäftigung und bei der Förderung ihrer Selbstständigkeit. Unterschieden wird zwischen beruflicher Integration (in den ersten Arbeitsmarkt) und sozialer Integration (gesellschaftliche Teilhabe) (vgl. Kanton Zürich 2025).
Arbeitsintegration bewegt sich im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und arbeitsmarktbezogenen Anforderungen. Organisationen müssen individuelle Lebenslagen – etwa gesundheitliche Einschränkungen, Sprachbarrieren oder psychische Belastungen – berücksichtigen und zugleich wirtschaftlichen Erwartungen nach Effizienz und Qualifikation gerecht werden. Öffentliche Auftraggebende fordern zunehmend Wirkungsnachweise, Transparenz und Wettbewerbsfähigkeit (vgl. Neuenschwander et al. 2022). Der technologische Wandel – insbesondere durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz – verändert Arbeitsformen und Qualifikationsprofile und erfordert eine laufende Anpassung der Angebote (vgl. ebd.). Auch die interinstitutionelle Zusammenarbeit, etwa zwischen Sozialhilfe, RAV und IV, verlangt koordinierte Abläufe zur Vermeidung von Doppelspurigkeiten (vgl. Kanton Zürich 2025).
Was sind Wirkungen in der Arbeitsintegration?
Obwohl es Vorschläge zur Steuerung über Wirkungsindikatoren gibt (vgl. Bieri et al. 2006), wird die Wirkung von Arbeitsintegration bislang nicht systematisch erfasst, um die Effektivität von Massnahmen zu beurteilen. Berufliche Integration zielt auf die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt ab, soziale Integration umfasst auch psychosoziale, gesundheitliche und gesellschaftliche Aspekte.
Wirkung bedeutet in diesem Zusammenhang eine spürbare Veränderung der Lebenssituation durch die Teilnahme an einer Integrationsmassnahme – etwa durch Qualifizierung, Stabilisierung oder Jobcoaching sowie durch die Verbesserung psychosozialer Faktoren wie Selbstvertrauen, Tagesstruktur oder soziale Einbindung. Ein zentrales Ziel ist auch die Reduktion der Sozialhilfeabhängigkeit und die Förderung von Selbstständigkeit und Teilhabe (vgl. Neuenschwander et al. 2022; Kita et al. 2024).
Kaum berücksichtigt wird bislang die Unterscheidung zwischen intendierten und nicht-intendierten Wirkungen. Während die genannten Veränderungen zu den beabsichtigten Wirkungen zählen, können Integrationsmassnahmen auch unbeabsichtigte Effekte wie Einsamkeit, Stigmatisierung oder soziale Ausgrenzung hervorrufen (vgl. Suhling 2020).
In der Literatur finden sich Hinweise auf Wirkfaktoren, die beabsichtigte Wirkungen entweder begünstigen oder hemmen können. Sie bilden ein Zusammenspiel aus Faktoren auf unterschiedlichen Ebenen: Auf der individuellen Ebene etwa spielt die Prozessgestaltung zwischen Fachperson und Klient:in eine Rolle, auf der organisationalen Ebene beispielsweise die Frage, ob der Zugang zu einem Angebot freiwillig oder verpflichtend erfolgt. Einfluss übt zudem die gesellschaftlich-politische Ebene aus, etwa durch den strukturellen Wandel des Arbeitsmarktes oder durch mögliche Stigmatisierungen (vgl. Kita et al. 2022, S. 81–87).
Wie werden Wirkungen sichtbar gemacht?
Der Wirkungsnachweis erfolgt über verschiedene Ansätze und Instrumente. Häufig genutzte Indikatoren beziehen sich primär auf berufliche Integration, etwa die Geschwindigkeit der Wiedereingliederung, die Verhinderung von Langzeitarbeitslosigkeit, Wiederanmeldungen oder Aussteuerungen (vgl. Bieri et al. 2006, 90).
Darüber hinaus kommen vereinzelt mehrdimensionale Wirkungsmodelle zum Einsatz. Diese strukturieren grafisch, wie und warum Ressourcen und Aktivitäten zu beabsichtigten (oder unbeabsichtigten) Wirkungen führen (vgl. Baumgartner und Haunberger 2024, 97ff.). Sie erfassen verschiedene Dimensionen wie berufliche Situation, Gesundheit, Tagesstruktur, soziale Integration, Kompetenzen und Motivation (vgl. Neuenschwander et al. 2015; Baumgartner und Haunberger 2024; Kita et al. 2022).
Auch Evaluationen leisten einen Beitrag zum Wirkungsnachweis – etwa bei RAV oder Sozialdiensten, wo Beratungsstrategien und deren Effekte analysiert werden (vgl. Bieri et al. 2006). Evaluationen zu Supported Employment zeigen zudem spezifische Erfolgsfaktoren oder Hindernisse für Zielgruppen auf (vgl. Sundermann et al. 2022).
Welche Herausforderungen bestehen?
Trotz bestehender Ansätze bleiben Wirkungsnachweise herausfordernd. Kritisiert wird die einseitige Fokussierung auf ökonomische Kennzahlen wie Vermittlungsquoten, wodurch psychosoziale Fortschritte oft vernachlässigt werden (vgl. Neuenschwander et al. 2022).
Die komplexen Lebenslagen vieler Teilnehmender – etwa psychische Erkrankungen oder Mehrfachbelastungen – lassen sich schwer quantifizieren und werden in Evaluationen häufig unzureichend abgebildet (vgl. Kita et al. 2022). Zudem fehlt es an langfristiger Betrachtung der Nachhaltigkeit beruflicher und sozialer Integration, obwohl gerade diese für fundierte Wirkungsaussagen entscheidend wäre (vgl. Neuenschwander et al. 2022). Nicht zuletzt stellt die Durchführung von Wirkungsevaluationen selbst eine Hürde dar: Sie ist ressourcenintensiv, erfordert methodisches Know-how und bindet Personal – eine Herausforderung besonders für kleinere Organisationen (vgl. Baumgartner und Haunberger 2024; Neuenschwander et al. 2022).
Wie kann mit diesen Herausforderungen umgegangen werden?
In der Arbeitsintegration existieren verschiedene – teils erfolgreiche – Ansätze zum Umgang mit Wirkungsnachweisen. Wirkungsevaluationen erfordern ein schrittweises Vorgehen (vgl. Baumgartner und Haunberger 2024). Der oft zehnstufige Prozess reicht von der Festlegung des Zwecks und gezielter Fragestellungen über Wirkungsziele, Bewertungskriterien und Wirkungsmodelle bis zu Evaluationsdesign, Datenerhebung, Analyse und Nutzung der Ergebnisse.
Wirkungsmodellen kommt dabei zentrale Bedeutung zu. Sie zeigen grafisch, wie Ressourcen und Aktivitäten zu gewünschten (und unerwünschten) Wirkungen führen (vgl. Baumgartner und Haunberger 2024, 97ff.). Je nach Komplexität lassen sich Ressourcen, Leistungen, Wirkungen und deren Wechselwirkungen abbilden und überprüfen. Solche Modelle schaffen Klarheit über Ziele, fördern ein gemeinsames Verständnis, unterstützen Lernprozesse, verbessern die Qualität und stärken die Legitimation (vgl. Neuenschwander et al. 2015; Baumgartner und Haunberger 2024). Neben klassischen Wirkungsmodellen bieten Kontext-Mechanismus-Outcome-Modelle eine realistische Evaluationsmethode. Sie untersuchen nicht nur, ob etwas wirkt, sondern auch wie und unter welchen Bedingungen. So lassen sich spezifische Wirkfaktoren für verschiedene Zielgruppen identifizieren (vgl. Kita et al. 2022). Ein weiterer Beitrag ist die Langzeitbeobachtung. Die Nachverfolgung über Monate oder Jahre erlaubt Aussagen über nachhaltige Integration – etwa durch stabile Arbeitsverhältnisse oder eine dauerhafte Reduktion der Sozialhilfeabhängigkeit (vgl. Bieri et al. 2006).
Fazit
Mit gezielter Unterstützung, klaren Standards und praxisnahen Tools lassen sich Wirkungsnachweise in der Arbeitsintegration gut umsetzen (vgl. Baumgartner und Haunberger 2024). Voraussetzung ist, dass sich zentrale Akteur:innen – inklusive Zielgruppen – auf ein gemeinsames Wirkungsverständnis und den Zweck von Wirkungsnachweisen (z. B. Legitimation, Erkenntnis, Kontrolle, Dialog) verständigen (vgl. Baumgartner und Haunberger 2024). Zudem ist zu klären, welche Wirkungsindikatoren sinnvoll sind und ob genügend Ressourcen für evidenzbasierte Integrationsmassnahmen vorhanden sind (vgl. Neuenschwander et al. 2022). Werden Wirkungsnachweise schrittweise eingeführt und an Organisation, Zielgruppe und Massnahme angepasst, können sie über reine Legitimationsfunktionen hinausgehen. Werden auch Wirkfaktoren berücksichtigt, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung und Weiterentwicklung der Arbeitsintegration.
Bibliografie
- Bieri, Oliver; Bachmann, Ruth; Bodenmüller, Daniela; Balthasar, Andreas (2006).
- RAV-Strategien zur Arbeitsmarktintegration und deren Wirksamkeit. Eine qualitativ-quantitativ angelegte Evaluation am Beispiel von jungen, niedrig qualifizierten und älteren, gut qualifizierten Personen. Bern: Staatssekretariat für Wirtschaft: Seco Publikation Arbeitsmarktpolitik No 17 (10. 2006)
- Baumgartner, Edgar; Haunberger, Sigrid (2024). Wirkungsevaluationen in der Sozialen Arbeit. Ein Orientierungsbuch für die Praxis. Bern: Haupt.
- Kanton Zürich 2025. Allgemeine Ausführungen zu Fragen der beruflichen und sozialen Integration | Kanton Zürich (abgerufen am 31.07.2025)
- Kita, Zuzanna; Haunberger, Sigrid; Wirz, Daniela; Gisler, Fiona (2022). Wirkungsannahmen sichtbar machen: Konstruktion eines kontext-mechanismusbasierten Wirkungsmodells in der Arbeitsintegration. Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit/Revue suisse de travail social 29, 72-109. https://doi.org/10.33058/szsa.2022.0967
- Neuenschwander, Peter; Fritschi, Tobias; Sepahniya, Samin (2022). Herausforderungen und Zukunftsperspektiven in der Arbeitsintegration. Abschlussbericht: Berner Fachhochschule.
- Neuenschwander, Peter; Fritschi, Tobias; Jörg, Reto (2015). Wirken Integrationsprogramme – und wenn ja, wie? Ein Wirkungsmodell als theoretische Grundlage zur Wirksamkeitsüberprüfung von fünf Integrationsprogrammen im Kanton Bern. Sozial Aktuell, 47/3, 32-33.
- Suhling, Stefan (2020). Zur Erfassung der Wirkungen des Strafvollzugs. In: Meier, BD., Leimbach, K. (Hg.) Gefängnisse im Blickpunkt der Kriminologie. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-62072-4_3
- Sundermann, Larissa; Haunberger, Sigrid; Gisler, Fiona; Kita, Zuzanna (2022). How do supported employment programs work? Answers from a systematic literature review. Int J Educ Vocat Guid 23(3), 659-679. https://doi.org/10.1007/s10775-022-09533-3













